Zum Hintergrund

Trotz der großen Bedeutung von formalen Bildungsabschlüssen wird in Deutschland der schulischen Situation von jungen Menschen in der stationären Jugendhilfe bislang wenig Beachtung geschenkt. Auch wenn bis etwa 2005 in der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik die besuchte Schulform der stationär betreuten Kinder und Jugendlichen am Ende der Hilfe erhoben wurde, so werden diese schulbezogenen Daten seit der Einführung des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz – KICK) 2007 nicht mehr erfasst. Repräsentative Aussagen zur besuchten Schulform und zu Schulabschlüssen der jungen Menschen sind somit nicht (mehr) möglich.

Die – internationalen und wenigen nationalen – zur Verfügung stehenden Studien zeichnen jedoch ein ziemlich eindeutiges Bild: Junge Menschen, die in den Hilfen zur Erziehung aufwachsen, gehen im Gegensatz zu ihren Peers häufiger auf Haupt- und Realschulen und verlassen die Schule mit niedrigeren Bildungsabschlüssen (vgl. z.B. Pothmann 2007 für Deutschland; Jackson/ Cameron 2010 für Großbritannien).

Schulerfolg und formale Bildung bedeutet für die jungen Menschen aber weit mehr als gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Vielmehr kann formale Bildung als Motivator und Orientierung im Leben betrachtet werden und Schule ein Ort sein, an dem junge Menschen aus stationärer Jugendhilfe Normalität, Kontinuität und Stabilität erfahren (Köngeter/ Mangold/ Strahl 2016).

Ausbildungsorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe!

Junge Menschen, die in stationärer Jugendhilfe leben, werden wenig in den Bestrebungen nach „höherer Bildung“ unterstützt, viel mehr lässt sich eine Ausbildungsorientierung feststellen. Die jungen Menschen werden also nicht selten dahingehend beraten, zunächst eine Ausbildung zu machen, um auf eigenen Beinen zu stehen und Geld zu verdienen. Ist dieser Weg jedoch einmal eingeschlagen, ist es eine weitere Hürde das Abitur nachzuholen und ein Studium zu beginnen.

„Ja, nach der Hauptschule wollte dann mein Betreuer, dass ich ein solides Handwerk erlerne. Ich hab dann eine Malerlehre gemacht, aber schnell gemerkt, dass das Handwerkliche nicht mein Ding ist. Ich hab mir damals schon vorgenommen, dass ich dann irgendwann studiere. … Also das Abitur hab ich dann halt selbständig gemacht, selbständig finanziert und so.“

(Akin, 24 Jahre)

Bildung braucht Zeit! Das schließt manchmal Umwege mit ein. Junge Menschen müssen auch – und gerade – auf diesen Um- und Irrwegen begleitet und unterstützt werden. 

Die Befragung der Care Leaver an Hochschulen macht deutlich, dass Bildungswege nicht immer von Anfang an auf ein Hochschulstudium hinsteuern und ganz geradlinig verlaufen. So besuchten zwar 68% der Befragten ein allgemeinbildendes Gymnasium und haben somit auf direktem Weg die Allgemeine Hochschulreife erworben. Immerhin 11 % erlangten die Hochschulreife auf dem Abendgymnasium und 16% auf einem beruflichen Gymnasium. Die übrigen 5% scheinen die Hochschulzugangsberechtigung auf einer Gesamtschule oder über eine Berufsausbildung erlangt zu haben.

Interessant ist, dass überdurchschnittlich viele Personen zuerst auf einer Förder-, Haupt- oder Realschule waren, um im Anschluss noch die Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben. Im Vergleich dazu haben 83% der Gesamtheit der Studierenden die Allgemeine Hochschulreife erworben, 12% die Fachhochschulreife und lediglich 4% die fachgebundene Hochschulreifen (Middendorf u.a. 2012, S.54). Diese Zahlen stehen zwar nicht im direkten Zusammenhang zu den verschiedenen Schularten, lassen aber doch vermuten, dass unter allen Studierenden ein höherer Anteil das allgemeinbildende Gymnasium zum Erwerb der Hochschulreife besucht hat.
Bildung braucht Stabilität!

Die befragten Care Leaver beschreiben sehr stabile Hilfeverläufe. Daraus ergibt sich die Frage, ob stabile Hilfesettings – das heißt, wenig wechselnde Platzierungen, kontinuierliche Orte und Beziehungen – einen Bildungserfolg erleichtern. Die meisten Care Leaver (47%) gaben an, in nur einer einer Einrichtung gelebt zu haben, 42% in zwei Einrichtungen, 8% in drei Einrichtungen und 3% lebten im Hilfeverlauf in mehr als drei Einrichtungen.

Verglichen mit der allgemeinen Jugendhilfestatistik fällt also eine extrem stabile Jugendhilfeunterbringung auf (Monitor 2016: Etwa 50% Abbrüche). Von instabilen Jugendhilfeverläufen wird erst aber der Unterbringung in mehr als drei verschiedenen Einrichtungen gesprochen (Santen van/Petrat 2010).