Care Leaver haben vielfältige Herausforderungen im Studium zu meistern

In der Onlinebefragung wurde deutlich, dass alle teilnehmenden Personen vor unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Diese sind nicht isoliert voneinander zu betrachten. Die Care Leaver sind von mehreren Herausforderungen oder Problemlagen betroffen, die sich dazu noch gegenseitig bedingen – wer sich um seine finanzielle Lebenssituation sorgen muss, hat nicht immer Zeit zum Lernen; wer sich alleine fühlt oder psychische Probleme hat, kann sich nicht immer auf ein Studium einlassen. Als zentrale Herausforderungen werden in der Online-Befragung am häufigsten folgende angegeben:
Versagensängste, fehlender familiärer Rückhalt, die finanzielle Situation, der Leistungsdruck und psychische Probleme. Darüber hinaus die Konkurrenz unter Studierenden, fehlende soziale Kontakte und Unverständnis von Seiten der Dozierenden.

 

 

Exot_innen: "Nirgends richtig dazugehören"

Bereits während der Schulzeit machen Care Leaver Erfahrungen des „Anders-Seins“, können dies aber häufig auch in Abgrenzung zu den anderen Jugendlichen aus der Wohngruppe positiv nutzen („ich habe es geschafft“).

„Ja, ich glaube, dass da einfach ganz massive Schwierigkeiten dann passieren, wenn das transferiert werden soll in das normale Leben, und dass dann halt auch die Unterstützung irgendwo, also dass dann keiner ist, der dann sagt ‚man, du schaffst das‘, auch wenn es ‘ne Krise gibt, keine Ahnung, die ersten Prüfungen und da stehst du da und hyperventilierst und weißt gar nicht, was du machen sollst. Und deine anderen Freunde – wahrscheinlich alle aus der Jugendhilfe – wissen gar nicht, was dich berührt oder was was du eigentlich durchmachst, was da los ist. Wo sollst du dir dann HALT suchen? Sollst du dann zu den anderen privilegierten Studierenden gehen, die alle ‘ne Familie haben und keine Ahnung was. Also zumindest wenn sie kein Geld haben, sie haben ‘ne Familie, sie haben vermutlich jemanden, der sie liebt. Bei den meisten in der stationären Jugendhilfe ist es dann ja entweder so, dass die vielleicht einen Vater, eine Mutter haben oder der eine ist drogensüchtig oder der eine alkoholabhängig oder beide tot oder sonst irgendwas. Das ist noch mal ein ganz anderer Schnack, glaube ich, und damit auch einfach umzugehen nach außen hin ‚ich fahre dieses Wochenende zu meinen Eltern, was machst du?‘“ (Pamela)

Die Menschen aus der Jugendhilfe können möglicherweise die Sorgen in der Hochschule nicht verstehen, die Menschen aus der Hochschule können möglicherweise die Sorgen aufgrund der Jugendhilfegeschichte nicht verstehen. Umso wichtiger erscheint die Ermöglichung eines Austausches unter Care Leavern.

 

 

Finanzielle Herausforderungen: „Die Entscheidung für ein Studium muss man sich leisten können“

Zunächst muss unterschieden werden zwischen der finanziellen Hürde auf dem Weg ins Studium und den finanziellen Herausforderungen während des Studiums. Bereits vor dem Studienbeginn finden vielfältige Abwägungsprozesse statt, ob eine Ausbildung aufgrund der Finanzsituation nicht besser wäre. Auch strukturelle Lücken im Finanzierungssystem bringen die jungen Menschen in prekäre Situationen. So endet das Schüler_innen-BAföG mit dem Ende des Schuljahres (also im Juni/Juli des Jahres), das BAföG für Studierende wird aber erst ab Semesterbeginn (1. Oktober des Jahres) gewährt. Die Finanzierungslücke von ca. drei Monaten können sich aber die wenigsten Care Leaver leisten, weil die meisten von ihnen nicht bei den Eltern wohnen können und sie somit ihre eigene Wohnung bezahlen müssen.

Die finanzielle Situation von Care Leavern gestaltet sich sehr heterogen. BAföG als Studienfinanzierung ist an verschiedene Voraussetzungen geknüpft und keine ausreichende Antwort auf die komplexe Finanzsituation von Care Leavern. So wird das Einkommen der leiblichen Eltern, zu denen ggf. schon längere Zeit kein Kontakt mehr besteht, als Berechnungsgrundlage herangezogen. Die jungen Menschen werden bei BAföG-Anträgen verpflichtet, zu ihren leiblichen Eltern Kontakt aufzunehmen, auch wenn sie diese teilweise nicht kennen oder von ihnen sehr verletzt sind. Daher verzichten sie nicht selten eher auf das Geld, als erneut den Kontakt und ein Abhängigkeitsverhältnis mit ihren leiblichen Eltern herzustellen.
Dabei gibt es die Möglichkeit der „Vorausleistung“ des BAföGs (Formblatt 8 „Antrag auf Vorausleistungen nach § 36 BAföG“), so dass der*die Antragsteller*in BAföG bezieht und das Amt selbst den Kontakt zu den Eltern herstellen muss, um Einkommensnachweise zu erhalten und prüfen zu können.
Häufig sind es die Ausgaben, die abseits und außer der Reihe anfallen – eine kaputte Waschmaschine oder die Anschaffung eines Computers. Möglichkeiten von Sozialfonds sind wenig transparent, sind aber genau für die Zielgruppe der Care Leaver eine gute Möglichkeit über spezifische finanzielle Problemlagen hinwegzukommen.


Emotionale Herausforderungen: „man quasi Menschen hat, die an einen glauben, unterstützen und einem helfen“

Die emotionale Belastung ist insbesondere durch das fehlende soziale Sicherheitsnetz im Übergang ins Studium gekennzeichnet. Vor allem am Anfang des Studiums wird die neue Situation als „hart“ beschrieben:

„also das war das erste Mal, dass ich so wirklich komplett alleine war, ja mit dem BAföG noch irgendwie auseinandergesetzt (.) Ja, die erste Woche, weiß ich noch, war total schrecklich, weil ich nämlich in meine Wohnung noch nicht rein konnte und ich noch bei ‘ner Bekannten zum Glück unterkommen konnte und bin immer noch hin und her gependelt und dann hab ich auch am Anfang nicht so recht Anschluss finden können. Also die ersten paar Wochen waren ein bisschen komisch, so das war alles so neu und so unsicher; also so ganz wackelige Zeit“ (Laura)

So sind es nicht nur die finanziellen Herausforderungen und die Unsicherheiten, die mit einer neuen Wohnsituation in Verbindung stehen, sondern auch mangelnde soziale und emotionale Unterstützung werden insbesondere in schwierigen Phasen des Studiums als Herausforderung von den Care Leavern beschrieben. Während Kommiliton_innen die Wochenenden bei ihren Eltern verbringen, bei Sorgen (oder auch einfach nur so) von ihren Eltern angerufen werden oder auch bei konkretem Unterstützungsbedarf – wie beim Korrekturlesen von Abschlussarbeiten – häufig auf diese zurückgreifen, müssen sich Care Leaver diese Unterstützungsnetze erst aufbauen.

Leistungsdruck: „den Kopf nicht mehr frei hatte, um noch vernünftig zu studieren“

Die biographischen Erfahrungen von Care Leavern sind (meist) nicht mit Ende der stationären Erziehungshilfe bearbeitet, sondern müssen parallel zu den Herausforderungen eines selbstständigen Lebens, eines Hochschulstudiums usw. neu eingeordnet werden.
Verbunden mit solchen Herausforderungen ist die Frage, mit wem solche Probleme und Zweifel besprochen und abgeglichen werden können.
Schlechte Noten oder mangelnde Vorbereitung auf Seminare und Prüfungen dürfen darum nicht nur – wie nach Aussagen der Care Leaver häufig von Dozierenden getan – als Unlust oder Unvermögen interpretiert werden, sondern hängen auch mit der Bearbeitung von anderen Problemen zusammen:

„Ja, man hat halt auch irgendwie dann persönliche Probleme, die einen dann irgendwie in der Konzentration, in der Leistungsfähigkeit, im Umgang mit den andren Menschen einschränken. So ein bisschen, das macht halt alles bisschen, bisschen schwieriger“ (Akin)

Insbesondere in Phasen von Prüfungen und Leistungsanforderungen scheint sich der Druck auf Care Leaver und die damit verbundenen Versagungsängste zu erhöhen. Es ist nicht nur die Arbeitsbelastung, welche das Studium von Care Leavern häufig verlängert, sondern die bereits angesprochenen emotionalen Herausforderungen (Selbstzweifel, biographische Themen etc.) nehmen Raum ein und orientieren sich nicht an Semesterplänen und Prüfungszeiträumen.